Keine Angst vor der Angst

Ängste können so vielfältig und individuell wie die Menschen selbst sein. Was sie jedoch gemeinsam haben: Eigentlich verbindet wohl kaum jemand etwas Positives mit ihnen. Wer fühlt sich schon wohl, wenn er Angst hat? Ich möchte mit meinem Beitrag das Gefühl von Angst etwas genauer beleuchten und dir einen möglichen Umgang mit ihr aufzeigen.

Körperlicher Ablauf auf die Reaktion von Ängsten

Betrachtet man Angst auf rein neurobiologischer Ebene, so ist sie nichts anderes als ein Zusammenspiel aus einem Reiz, der in einem bestimmten Teil unseres Gehirns als eine Gefahr gedeutet wird, sowie der Aktivierung unseres Vegetativen Nervensystems. Ein erhöhter Herzschlag, eine flache Atmung, man ist hellwach, an Entspannung ist nicht zu denken. Der ganze Körper ist nun in Alarmbereitschaft. Die Reaktionen daraufhin können variieren. Grob lassen sie sich einteilen in Flucht, Kampf oder Erstarrung. Wie jemand letztendlich reagiert, wenn er Angst hat, ist von verschiedenen Faktoren wie zum Beispiel der Persönlichkeit abhängig.

So weit, so gut. Nun ist jedoch so, dass wir nun mal keine Maschinen sind, bei denen man in der Bedienungsanleitung nachlesen kann, wo der Fehler liegt, ein paar Knöpfe drückt und fertig. Wir Menschen mitsamt unserem Denken, Fühlen und Handeln sind individuell. Was dem einen große Angst bereitet, kann für den anderen kaum bis gar keine Angst bedeuten.

Ein Beispiel

Wie geht es dir bei der Vorstellung einem großen Hund zu begegnen? Oder einer großen Spinne? Bei mir persönlich löst Ersteres große Freude aus, während Letzteres eher pures Unbehagen hervorruft. Das kann bei dir aber völlig anders sein. Es gibt keine schlechtere oder bessere Variante. Wie stark dich eine Angst im Alltag belastet, hängt auch von äußeren Umständen ab.

Arbeitest du zum Beispiel in einem Tierheim und hast gleichzeitig große Angst vor Hunden, wird deine Hundeangst also deinen Arbeitsalltag stark beeinflussen. Je nach Situation können Ängste also mehr oder weniger belastend sein. Flugangst hat für jemanden, der selten fliegt, kaum Einschränkungen. Für jemanden, der geschäftlich viel mit dem Flugzeug reisen muss, ist eine Flugangst natürlich dementsprechend eine große Belastung.

Angst als Schutz vor Gefahren

Grundsätzlich bedeutet Angst für dein inneres System immer, dass irgendwo eine Gefahr lauert. Würdest du gar keine Angst besitzen, würdest du blindlings auf eine stark befahrene Straße laufen oder nicht die Gefahr erkennen, die hinter einem laut kläffenden und knurrenden Hund steckt. Angst schützt uns also auch. Nun unterscheidet unser Nervensystem aber nicht zwischen einer realen oder einer vermeintlichen Gefahr. Sämtliche Körperreaktionen, Gedanken und Gefühle –  unabhängig davon ob tatsächlich Gefahr droht oder ob wir das nur glauben – sind identisch.

Das ist auch der Grund, weshalb es nichts oder nur wenig hilft, sich zum Beispiel bei der Angst vor mehreren Menschen einen Vortrag zu halten, einzureden, dass man keine Angst haben brauche. „Es kann ja schließlich nichts passieren“ – das weiß vielleicht ein rationaler Anteil in dir (innere Anteile nach Richard C. Schwartz s. auch https://www.ifs-europe.net/ifs-modell/), nicht aber dein innerer Anteil, der nun mal Angst empfindet. Würdest du diesen Anteil in dir etwas genauer erforschen, würde sich vielleicht herausstellen, dass da die Befürchtung ist, ausgelacht zu werden, keine Stimme zu haben, einen hochroten Kopf zu bekommen etc.

Ich bin immer wieder erstaunt und gerührt wieviel Ruhe es innerlich auslösen kann, wenn man sich zum Beispiel mit Hilfe von IFS nach Richard C. Schwartz seinen inneren Anteilen zuwendet, sie erforscht, versteht, liebevoll betrachtet und annimmt.

Umgang mit Ängsten

Es ist immer hilfreich seine Ängste ernst zu nehmen im Sinne von „Ja, da habe ich eine Angst“ anstatt „Ich tue so als wäre ich supercool“. Selbst dann, wenn dir eine Angst völlig absurd erscheint. Damit ist bereits der erste Schritt getan: Deine persönliche Angst anzuerkennen im Sinne von weder in „schlecht“ noch „gut“ einteilen. Im zweiten Schritt kannst du genauer hinter deine Angst schauen.

Also was konkret ist deine Angst? Wenn wir bei dem Beispiel mit dem Vortrag bleiben, könntest du dich beispielsweise fragen, was genau du befürchtest. Was wäre der absolute „Worst Case“? Und noch eine Stufe weiter: Was würde es bedeuten, wenn genau dieser Fall eintreten würde? An dieser Stelle ist es gut möglich, dass alles in dir in eine Abwehrhaltung geht. Das wäre eine völlig verständliche und normale Reaktion. Schließlich warst du es bislang nicht gewohnt, deine Ängste genauer zu betrachten.

Dieser Schritt hilft jedoch, deine Angst zu verstehen und ihr einen Platz zu geben. Lass´ dir bei diesem Schritt genügend Zeit, um all deine Gedanken und Gefühle anzunehmen. Hier gilt grundsätzlich: Übung macht den Meister. Mit der Zeit wirst du einen immer liebevolleren und verständnisvolleren Blick auf deine Angst bekommen. Und vor allem bleibst du dadurch handlungsfähig.

Im dritten Schritt kannst du schauen, was dir persönlich guttut, wenn deine Angst aufkommt. Hilft es dir vielleicht, deine Ängste in einem Büchlein festzuhalten? Ein Spaziergang? Eine Meditation? Eine Massage in der Herzgegend mit einem Körperöl? (Tipp aus der Aromatherapie: Das ätherische Öl der Neroliblüte wirkt beruhigend und kann bei akuten Ängsten sowie innerer Unruhe gut unterstützend wirken) Nicht die Angst selbst, sondern unser Umgang damit entscheidet darüber, wie belastend sie letztendlich für uns ist. Immer dann, wenn wir ein Gefühl so annehmen, wie es ist, kann sich etwas in uns beruhigen.

Wenn die Angst Oberhand gewinnt

Ich kenne absolut niemanden – inklusive mir – der keine Ängste besitzt. Solltest du das Gefühl haben, dass deine Ängste dein Leben stark beeinflussen, du darunter leidest oder dir aus anderen Gründen einen empathischen und professionellen Blick von außen wünschst: Ich freue mich, dich darin zu begleiten, einen Umgang mit deinen Ängsten zu finden.

Silvia Luft
(Heilpraktikerin für Psychotherapie, Aromaexpertin)